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1. Der Sturm

Eigentlich sollte es ein erholsames Wochenende werden, weitab von Uni und Bildungsstress. 
Charles, Richard, Ron und Benjamin hatten die Tage am Strand schon einige Zeit geplant, und so lief die Fahrt dorthin völlig reibungslos und lustig ab.
Das Gruppenzelt war schnell aufgebaut und die Sachen verstaut, sodass man sehr bald zum gemütlichen Teil übergehen konnte. 

Nun saßen sie im Zelt, zogen über das Lehrpersonal der Uni her und amüsierten sich lautstark über Gott und die Welt.
Der Sturm kam vollkommen überraschend und fegte mit unheimlicher Wucht durch die Bucht. Charles, der Älteste der Studentengruppe, übernahm sofort das Kommando. Die anderen hatten sich schon längst an seine Führungsrolle gewöhnt und gehorchten den Anweisungen ohne Fragen.
Sie klammerten sich an die Zeltstangen und verhinderten so das Schlimmste, das Zelt hielt den Naturgewalten stand. Dabei war doch bestes Wetter angesagt worden, man konnte sich doch auf gar nichts mehr verlassen.
So plötzlich wie der Sturm gekommen war, trat auch wieder Ruhe ein, und alle konnten aufatmen.
"Jetzt haben wir uns einen Schluck verdient!", meinte Richard, suchte die Flasche Whisky aus seinem Rucksack heraus, öffnete sie und ließ sie zum Umtrunk kreisen. Es schien doch noch ein vergnügliches Wochenende zu werden, und die Flasche machte die Runde.
Bei vier fast Erwachsenen hielt die Flasche aber nicht lange, und Benjamin, der Jüngste der Gruppe, zauberte noch eine weitere Flasche aus seinem Rucksack. Sie wollten ja erst morgen richtig loslegen, schwimmen, tauchen usw., da konnte man heute noch einmal über die Stränge schlagen.
Ganz langsam ging die Unterhaltung über Sinn und Unsinn der Lehrkörper und des Lebens in schwerfällige Wortbildungen über, als Rod plötzlich, schon leicht schwankend, aufstand und lauthals rief: 
"Platz, lasst mich raus, ich muss mal pinkeln!"
Ein schallendes Gelächter erklang vom Rest der Gruppe, und Benjamin konnte es sich nicht verkneifen zu grölen:
"Rod - immer noch die Konfirmantenblase?"
Worauf Rod in seiner immer leicht beleidigten Art sagte: "Wenn es euch stört, kann ich ja hier gleich an die Zeltstange pinkeln!" 

Worauf von den anderen das Gelächter fast ausartete, jedoch Charles gleich in seinem schon gewohnten Befehlston schrie:
"Untersteh dich! Scher' dich raus, und auch nicht zu dicht am Zelt." Und fiel dann selbst in das schallende Gelächter ein.
Rod schwankte mehr als er ging zum Ausgang des Zeltes und verschwand in der Dunkelheit.
Dunkelheit?
Es war Vollmond und sternenklar. 
Schon nach kurzer Zeit hörten sie das Plätschern, begleitet von einem langen, anhaltenden Stöhnen.
Wieder ertönte ein lautstarkes Gelächter aus dem Zelt, das von einem halblauten Aufschrei beantwortet wurde:
"Hey, kommt mal her, das müsst ihr sehen!"
Fragend schauten sich die im Zelt Gebliebenen an, als wieder der Schrei ertönte:
"Los, kommt mal her! Ich glaube, ich spinne - was ist das!"
Alle liefen nach draußen, um zu sehen, was Rod so aufgebracht hatte. Als sie an der Böschung zum Strand ankamen und Rods ausgestrecktem Arm mit den Blicken folgten, sahen sie es: Ein Segelschiff war auf den Strand getrieben worden. Der Großmast war gebrochen und hing an der Steuerbordseite ins Meer, die Segel waren zerfetzt.
Ein imposanter Anblick, wie das Segelschiff, den Bug im Sandstrand hoch erhoben und das Heck noch im Wasser, vor ihren Augen lag.
Der Alkohol war wie aus ihren Köpfen geweht, der Anblick hatte sie ernüchtert.
"Eine Brigantine", sagte da Benjamin ganz ruhig, der von seinen Kameraden im allgemeinen nur "Professor" genannt wurde und sonst nie sehr viel sagte. "Brigantinen wurden gerne von Piraten benutzt, weil sie schnell und sehr wendig waren. Aber - wie kommt so ein Schiff hierher? Eigentlich gibt es heutzutage keine mehr."
"Vielleicht der Nachbau von einem Millionär, ist vom Sturm hier an Land getrieben worden", antwortete Richard. "Sieht ganz schön mitgenommen aus. Lasst uns mal zum Strand runter gehen, vielleicht braucht jemand Hilfe."
So eilten sie zum Strand hinunter und besahen das Schiff aus der Nähe. Die Segel sahen ziemlich verrottet aus, auch der Rumpf hätte eine Wartung gebrauchen können.
Jetzt erst bemerkten sie die unheimliche Stille, nur das Knarren von Holz und das Scheuern der Takelage waren zu vernehmen. Beklommenheit stieg in ihnen hoch, und Rod sprach sehr leise: "Wo ist die Mannschaft? Es müssen doch Matrosen da sein?"
Niemand war zu sehen, und dann fiel ihnen auch auf, dass keine Positionsleuchte brannte. Das Segelschiff wurde durch den Mond beschienen, aber sonst war alles stockdunkel an Bord.
Nun ergriff Charles wieder das Kommando: "Stephan, Richard, lauft zum Zelt und holt die Taschenlampen! Wir gehen an Bord und schauen uns um. Vielleicht liegen einige verletzt an Bord und brauchen unsere Hilfe. Bringt auch Verbandszeug mit."
Es dauerte nicht lange, und die beiden waren wieder da, mit Taschenlampen und zwei Verbandskästen.
"Wir können leicht am Hauptmast an Deck klettern", sprach Charles und ging schon in Richtung Hauptmast los. Das Wasser reichte ihm noch nicht einmal bis zum Knie.
"Wollen wir nicht warten, bis die Sonne aufgeht?" , wagte Rod einen vorsichtigen Einwand. Ihm war gar nicht wohl in seiner Haut, und er bedauerte, die anderen auf das Schiff aufmerksam gemacht zu haben.
"Die Brigantine hat sich bestimmt bei dem Sturm irgendwo losgerissen", sagte da der "Professor" mit etwas belegter Stimme, auch ihm schien nicht ganz wohl zu sein. "Nun komm schon, Rod."
Vorsichtig und immer wieder nach festem Halt suchend, begannen sie am schrägen Mast emporzuklettern. Teilweise war das Holz sehr glitschig, aber es dauerte nicht lange, bis sie das Deck betraten. Es herrschte eine eigenartige Stille, und sie konnten niemanden an Deck erblicken.
Einige Zeit standen sie dicht zusammen und orientierten sich. 
Der Sturm hatte ein mächtiges Chaos hinterlassen, gesplittertes Holz, zerrissene Taue und Segel. Sogar eine festgezurrte Kanone konnten sie an der Backbordseite erkennen, die Stückpforte war geschlossen, während an der gegenüberliegenden Seite, an der sie standen, ein großes Loch im Schanzkleid und zum Teil auch im Deck war. Hier hatte das Unwetter wahrscheinlich das Geschütz ins Meer gerissen. Es musste ein gewaltiger Sturm gewesen sein, von dem sie hier nur einen Ausläufer mitbekommen hatten.
"Dort im Poopdeck ist die Tür zur Kapitänskajüte", sagte Stephan. "Lasst uns mal hinein gehen, vielleicht finden wir dort noch das Logbuch. Darin wurde bestimmt alles reingeschrieben, was vorgefallen war - so sollte es jedenfalls sein."
Vorsichtig gingen die Vier zur Kajütentür, öffneten sie - eigenartigerweise war sie recht leichtgängig - und betraten den Raum.
Er war nicht sehr groß. Genau gegenüber den Heckfenstern standen eine Art Schreibtisch und rechts ein Bett mit Vorhängen, die jetzt aufgezogen waren. Im Gegensatz zum Rest des Schiffes machte die Kajüte einen sehr aufgeräumten Eindruck. An den Wänden neben der Tür hingen zwei gekreuzte Säbel und an der anderen Seite drei alte Radschlosspistolen. An der linken Wandseite waren Fächer, in denen unzählige Papierrollen steckten.
Stephan ging sofort zum Schreibtisch und suchte unter einigen zusammengerollten Karten nach dem Logbuch, als Rod, der zum Kajütenbett gegangen war, plötzlich rief: "Schaut mal her, was hier liegt! Vier alte Geldstücke, die sind bestimmt Einiges wert, für jeden von uns eine. Die wussten, dass wir kommen." Sein Lachen sollte eigentlich locker klingen, denn er fand seinen Witz mal wieder genial, aber trotzdem hörte man die ängstliche Stimmung heraus.
Schnell hatte er die Münzen aufgenommen und jedem eine in die Hand gegeben. Sie beschauten sich die Geldstücke. Es mussten uralte Duplonen sein : auf der einen Seite ein Kreuz mit zwei Löwen und zwei Türmen, außen herum Schriftzeichen, die sie nicht genau entziffern konnten. Bei hellem Licht würden sie es genau erkennen, und so steckte jeder sein Geldstück in die Tasche.
"Willkommen an Bord, meine Herren!", ertönte da hinter ihnen eine dumpfe, aber kräftige Stimme.
Zu Tode erschrocken fuhren sie herum, die Haare schienen ihnen zu Berge zu stehen, und eiskalt lief es ihnen den Rücken herunter.
Neben der Kajütentür, die jetzt wieder geschlossen war, stand eine hoch gewachsene Gestalt in eigenartiger Kleidung, wie aus einem Piratenfilm. Sie trug ein helles Hemd mit weiten Ärmeln, dunkle Hose, eine rote, lange Schärpe um die Hüfte, und über dieser war ein breiter Ledergürtel, in dem eine Steinschlosspistole steckte, und ein großes Messer an der Seite.
Der Kapitän, denn um diesen musste es sich handeln, hatte schulterlanges schwarzes Haar und einen Vollbart. Im linken Ohr trug er einen großen, goldenen Ring und um den Hals eine schwere Goldkette mit Anhänger. Er hatte eine lange, gerade Nase - und eiskalte, stechende Augen. 
Das Grauenhafteste aber war: In seiner Stirn, genau über der Nasenwurzel, klaffte ein Einschussloch, und ein dünnes Blutrinnsal lief über die Nasenwurzel.
"Meine Herren, Sie haben sich soeben entschlossen, uns die nächsten hundert Jahre zu begleiten. Begeben Sie sich zur Mannschaft! Big John, meine rechte Hand, wird Sie in alles Weitere einweisen!" 
Mit diesen Worten öffnete er die Kajütentür, und sie konnten wieder aufs Deck sehen.
Nichts war mehr von den Sturmschäden zu sehen, auf Deck tummelte sich eine emsig beschäftigte Mannschaft in abenteuerlicher Kleidung - aber weit und breit war kein Land zu sehen.

Fortsetzung folgt hier  "Im Nirgendwo".

© Bernd Rothe, 2004 

 

 
Kpt. Schmidt  -   ist  vorAnker   ; zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2012 ↑ Seitenanfang ↑
 
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