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                                                       Der Tag des Mondes
                                                                         ©2005 R. "ritch" Funke

Anfangs hielt ich es für eine Sinnestäuschung - einen atmosphärischen Lupeneffekt, der den Mond am Horizont riesig erscheinen lässt. Doch der Trabant befand sich im Zenith und wirkte überdimensional. Ich tauschte das Okular meines Teleskops gegen eine Rasterlinse aus, um den Umfang zu messen. Es bestand kein Zweifel - der Mond war größer als jemals zuvor.


Schon am frühen Nachmittag erreichte die Tide des Fjords einen neuen Höchststand. Schiffvertauungen knirschten und barsten - die stärkeren Seile rissen hölzerne Poller aus den Seestegen oder zogen die Schiffe in die Tiefe. Ein alter Seemann stand am Ufer und betrachtete fassungslos die Kajütaufbauten seines Bootes von dem nur noch ein Teil aus dem Meer herausragte.
"Es ist der Tag des Mondes", flüsterte er.
"Geschwätz, Alter!", rief ihm ein jüngerer zu und lockerte hektisch die Taue der anderen Schiffe, "das ist ein Tidenhub - mehr nicht.
"Nein, ich weiß es ", erwiderte der Alte noch immer regungslos, "die Väter unserer Väter haben davon berichtet."
"Komm, Björn, geh heim. Du kannst hier sowieso nichts mehr tun. Ich werde Hansenson bitten, dein Boot mit dem Schwimmkran zu bergen."
"Kann ich helfen?", fragte ich den Jungen in gebrochenem Dänisch.
Er schaute mich überrascht, wohl ob meines starken Akzentes, an, doch dann lächelte er. "Ay, Fremder, wir können jede Hilfe gebrauchen. Die Taue müssen um gut fünf Arm verlängert werden. Fra Tyskland?"
Ich bejahte.
"Stefan ist mein Name. Ich habe in Deutschland studiert."
Studiert?, wunderte ich mich, weil ich ihn für einen einfachen Fischergesellen hielt. Da mir meine Verwunderung wohl im Gesicht geschrieben stand, fügte er an: "Es ist Hochsession. Ich muss meinem Vater, dem Björn helfen. Er schafft das nicht mehr allein."
"Schade um sein Boot. Wird man es bergen können?"
Stefan winkte ab. "Ach was, der Pott liegt seit Jahren im Hafen und setzt Muscheln an. Vater fährt schon lange nicht mehr hinaus, seit mein Bruder Sören uns verlassen hat."
Nach Verlängerung des letzten Taus reichte mir Stefan freundschaftlich die Hand und lud mich auf ein Bier in die Hafenkneipe ein.
Dann begann er, mir die Familientragödie zu erzählen.
"Sören ist buten - draußen, weit draußen ... er kommt nicht mehr zurück. Doch Björn versteht es nicht. Er wartet hier auf meinen Bruder. Bis zum jüngsten Tag."
"Das tut mir leid."
"Wenn ich ihm sage: Vater, Sören ist tot, dann hält er sich die Ohren zu und schreit mich an, ich sei ein Lügner. Später finde ich ihn dann sturzbesoffen in der Kneipe. Seitdem sage ich nichts mehr, wenn er mich nach Sören fragt."
Für mich, der ich nur wenig über die Seefahrt und die Nordsee wusste, war es schwer vorstellbar, dass ein Schiff, mit all der modernen Technik an Bord, heutzutage einfach so verschwinden konnte.
"Hat man deinen Bruder und sein Schiff denn nie gefunden?"
Stefan schüttelte den Kopf und bestellte eine weitere Runde. "Vielleicht", flüsterte er mir zu, "hat er sich mit dem Kahn abgesetzt und ihn in Island verscherbelt. Die Aalfang war ein gutes, teures Boot. Vater hatte lange dafür schuften und sparen müssen. Sören war jedoch ein Taugenichts und hatte überall Schulden. Vielleicht ... haben ihn aber auch die Aale gefressen und auf seinen Knochen wächst der Tang. Er war mein großer Bruder, aber es ist nicht schade um ihn." Stefan trank das Bier auf ex und bestellte. "Und du", fragte er, "was verschlägt dich in dieses Kaff? Bist du ein Tourist?"
"Ich arbeite hier für vier Wochen in der Sternwarte auf dem Hügel am Fjord, als Austauschdoktorand."
"Du schreibst eine Doktorarbeit?"
"Ja, über extrasolare Planeten und deren Berechnung."
"Ich habe noch sechs Semester Medizin, doch wenn sich Björn nicht bald fängt und die Realität begreift, zerplatz mein Traum, Arzt zu werden. Mein Vater wird immer seltsamer - er ist fest davon überzeugt, dass Sören heimkommt. Ich möchte ihn nicht in eine Anstalt einweisen lassen, denn ich weiß, was man dort mit den Patienten anstellt. Er war mal ein großer starker Mann, den ich als Kind geliebt und bewundert habe. Einzig die Liebe ist übriggeblieben ..."
Ich mochte Stefan wegen seiner Offenherzigkeit und hatte in ihm einen Freund gefunden. Die nächste Runde ging auf mich.

Als die Nacht hereinbrach, richtete ich das Teleskop ins Zentrum der Milchstraße. Ich habe meinen Traum erfüllt, dachte ich und bewunderte die kosmische Pracht an der ich mich nicht satt sehen konnte. Die Lage der Sternwarte war perfekt für meine Forschung - keine größere Stadt war in der Nähe, um den Nachthimmel mit ihren Emissionen zu verschmutzen. Stefans Geschichte ging mir nicht aus dem Sinn - wie hätte ich an seiner Stelle gehandelt, wenn ich zwischen Vater und Beruf hätte wählen müssen, fragte ich mich. Als der Mond aus dem Kernschatten der Erde trat, war die Welt noch in Ordnung. Doch Sekunden später bahnte sich eine Katastrophe an.
Ich sandte die Ergebnisse der Umfangsmessung an die Observationszentrale in Paris und wartete gebannt auf eine Mail, die meine Beobachtungen bestätigte. Es konnte sich unmöglich um einen atmosphärischen Linseneffekt handeln. Paris dementierte - die Lasermessung anderer Observatorien hatte keine Abweichung der Entfernung zwischen Erde und Mond ergeben. Meine Messung lieferte jedoch ganz andere Daten: Der Mond hatte sich auf 250.000 Kilometer genährt. Nun lachen sie in Paris über mich, dachte ich und justierte den Laser neu. Die Zäsiumuhr, die die Differenz zwischen Aussendung und Reflexion maß, wies keine Fehlfunktion auf. Die Reflexion sollte in circa zwei Sekunden registriert werden, doch das Instrument zeigte unbeirrbar 1,8 dann 1,7 an. Die Entfernung verringerte sich somit rapide. Der Mond fiel auf die Erde!

Es passte zum Tidenhub - die Anziehungskraft ließ das Meer im Fjord ansteigen - doch Paris dementierte noch immer. Das Meer schien zu kochen. Weiße Schaumkronen rollten im fahlen Licht des Trabanten auf die Küste zu. Ich bestieg mein altes Hollandrad und fuhr den Berg zum Fischerdorf herunter. Ich wusste nicht mehr, warum ich es tat - was sollte ich den Menschen auch erzählen? Dass die Apokalypse naht? Was hätten sie davon, zu wissen, dass ihre letzte Stunde geschlagen hatte? Aber ich musste irgendetwas tun. Es war ein Akt der Verzweiflung.
Das Dorf befand sich in völliger Dunkelheit. Die Bewohner schliefen tief und fest und erholten sich von den Anstrengungen des vergangenen Tages. Nur an der Mole stand eine einsame Gestalt und blickte aufs Meer hinaus. Silbrig glänzte das Mondlicht über die Wellenkämme und erstreckte sich über den gesamten westlichen Horizont. Es war Björn, der in den fahlen Widerschein der Sonne schaute. Ich stellte mich neben den alten Mann und starrte ihn an, unfähig etwas hervorzubringen. Er lächelte wirklichkeitsentrückt und wies mit ausgestrecktem Arm gen Horizont. "Es ist der Tag des Mondes", flüsterte er, "und sie kommen heim."
"Wer kommt heim?"
"Alle", erwiderte er mit irrem Grinsen, "alle, die buten waren ..."
Im Gegenlicht zeichneten sich die Umrisse von Fischerbooten ab, die sich langsam mit der Flut der Küste näherten. Am Bug des ersten einlaufenden Schiffes stand der Schriftzug Aalfang.
"Sören!", rief Björn und lief seinem großen Jungen freudig entgegen.

Ich denke, das Observatorium braucht eine neue Zäsiumuhr, schrieb ich am folgenden Tage in einer Mail an die Pariser Zentrale. Insgeheim wusste ich, dass sie über mich lachten, doch ich hatte ihnen nicht die ganze Geschichte erzählt - von Stefan, Björn und Sören - denn dann wäre ihnen gewiss das Lachen vergangen. Der Mond ist wieder so wie immer: Unveränderlich auf seiner Bahn seit Menschengedenken. Nur selten nähert er sich der Erde über die Grenzen der Toleranz. Und dann geschehen seltsame Dinge, die keiner wissenschaftlichen Überprüfung bedürfen.
Man muss es nur selbst erlebt haben, um es zu glauben.

 
Kpt. Schmidt  -   ist  vorAnker   ; zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2012 ↑ Seitenanfang ↑
 
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